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Nachruf auf Dr. Eberhard Kummer

 

 

 

 

 

 

 

 

 



Mit Dr. Eberhard Kummer ist am Freitag, 12. Juli 2019, in Wien eine der ganz großen universalen Künstlerpersön­lichkeiten Österreichs im 79. Lebensjahr nach langem, schwerem Leiden verstorben.

Bereits mit achtzehn Jahren trat er erfolgreich als Oratori­ensänger (Christusrolle) in Italien auf. Er hat die Hoch­schule für Musik und darstellende Kunst in Wien mit Auszeichnung absolviert und war voll ausgebildeter Bassbariton. Außerdem war er promovierter Jurist und als solcher Rektoratsdirektor dieser Hochschule sowie Ministerialrat im Unterrichts­ministerium in Wien. Als wahre Berufung für sein Leben empfand er aber seine vielseiti-

ge künstlerische Begabung: „Canto – ergo sum“ war sein Motto, wobei er „cantare – singen“ immer im umfassenden, exquisit künstlerischen Sinn sah.

Kein musikalisches Genre war ihm fremd. Opern von Mozart waren seine Speziali­tät. Über viele Jahre ist er mit einem Tourneetheater durch Deutschland gereist, hat den Don Giovanni ebenso gesungen wie den Leporello oder den Papageno in der Zauberflöte, hat jedoch auch Rollen wie etwa den Frank in der Fledermaus gestaltet.

Eberhard Kummer war aber auch ein hervorragender Interpret des klassischen und romantischen Kunstliedes, etwa von Franz Schubert, Robert Schumann, Jo­hannes Brahms, Hugo Wolf oder Carl Loewe. Bei dem Bassbariton Hans Hotterwar er mehrfach zu Meisterkursen eingeladen. Cesar Bresgen widmete ihm sein Werk „Lieder des Scholi“, sowie seine Loferer Passion, in der Eberhard Kummer unter an­derem auch Regie geführt hat. Auch der österreichische Komponist Franz Zebin­ger hat ihm eines seiner Werke gewidmet, nämlich den 9. Gesang der Odyssee („Odysseus und Polyphem“).

Als Regisseur und Sänger wirkte Dr. Kummer im Bereich der Barockmusik, brachte jedoch auch Neue Musik zur Aufführung, etwa von Josef Matthias Hauer, Arnold Schönberg, Anton Webern und Hans Pfitzner.

Sein klarer, satter Bassbariton war frei von jeglicher Selbstdarstellung, vielmehr ident mit dem Sujet, und eben deshalb ungemein persönlich. Die Zuhörer empfan­den Eberhard Kummers Vortrag, als befänden sie sich real in der betreffenden Si­tuation, einerlei ob er geistliches Liedgut des Mittelalters, Minnelied, Kriegsgesche­hen, Persiflage oder Heldenpos vortrug, oder ein Lied von Schubert oder Brahms. Jede seiner Interpretationen wurde zu einem packenden Bühnenstück durch den Einsatz verschiedener Stimmlagen, pantomimischer Akzente und fein platzierter musikalischer Effekte.

Seit Anfang der 80er Jahre hat er sich zunehmend der Alten Musik gewidmet und sie in allen Facetten ausgelotet. Er war derjenige, der professionelles Drehleierspiel in Österreich wieder zum Leben erweckt hat, als diese Tradition lange völlig im Dunkeln versunken war. Eine kleine keltische Schoßharfe war ein weiteres seiner In­strumente. Schon mit wenigen Akkorden und Motiven konnte er akustische Zau­berwelten auftauchen lassen.

Durch ständigen Austausch mit Fachleuten und striktes Bemühen um Authentizität, soweit eruierbar, sind seine Darbietungen und Einspielungen mittelalterlicher Musik Pionierleistungen ersten Ranges, voll Respekt, unfehlbarem Geschmack und char­mantem Humor den Quellen gegenüber. Eberhard Kummer war der erste, der Epen und höfische Romane wieder singend vorgetragen hat, mit den im Mittelal­ter bekannten Melodien, so wie es nach aktueller Forschung gewesen sein müsste: so das Kudrunlied, Meier Helmbrecht, den Pfaffen Amis, König Laurin, den Ring von Wittenwiler, die Nibelungenklage, den Versroman Herzog Ernst, um nur einige zu nennen.

Aufsehenerregend und richtungweisend war vor allem sein Vortrag des Nibelun­genliedes. Denn bis dahin galt dieses monumentale – etwa 2400 Strophen lange – Epos unter Fachleuten als nicht singbar. Eberhard Kummer hat das Gegenteil be­wiesen und somit verschüttetes Wissen lebendig gemacht. Er hat das Nibelungen­lied wiederholt aufgeführt, europaweit und auch in den USA, sowohl einzelne Epi­soden daraus, als auch in seiner Gesamtheit an insgesamt fünf Abenden zu je ca. sechs Stunden, zum ersten Mal 1998 in Wien im Konzerthaus, später u. a. 2007 an der Universität Bamberg.

Erfrischend lebendig, unprätentiös und tief berührend ist Dr. Eberhard Kummer auch in Bearbeitung und Darbietung anderer Themenbereiche, etwa in Michel Beheims Buch von den Wienern, in den Liedern Neidharts, Oswald von Wolken­steins oder Hugo von Montforts – und erheiternd in den fein nuancierten Altwiener Liedern.

Eberhard Kummer hat in mehreren Ensembles mitgewirkt. Exemplarisch sei das Clemencic Consort genannt, mit dem er in zahlreichen Konzerten aufgetreten ist. Hadamar von Labers Minneallegorie, Meisterlieder von Hans Sachs oder auch die Sammlung Carmina Burana wurden in dieser Formation eingespielt. Er wurde zu in­ternationalen Kongressen eingeladen, wo er auch konzertierte, gab Kurse für Drehleierspiel und Interpretation an diversen Universitäten und anderen Instituten und trat auch oft in österreichischen Schulen auf.

Seit 2003 lebte und arbeitete er mit Ulrike Bergmann, einer deutschen Sängerin, die auf historischen Instrumenten musiziert. Zusammen mit ihr hat er 2013 den Ver­ein „Kultur in der Scheune e. V.“ ins Leben gerufen: Dort, in Mittelfranken zwischen Feld, Wald und Wiese, werden auch weiterhin exquisite kleine Aufführungen Alter Musik zu erleben sein, gelegentlich auch in Kombination mit Literatur oder ande­ren adäquaten künstlerischen Bereichen.

Eberhard Kummer hat sich in seiner Bescheidenheit und Sachlichkeit dem Werk gegenüber als Mensch nie in den Vordergrund gestellt und aus sich als Künstler kein Aufhebens gemacht. Ihn nie wieder persönlich erleben zu können, ist ein großer, schmerzender Verlust. Umso dankbarer blicken wir auf die derzeit noch schier unüberschaubare Fülle an Aufnahmen verschiedenster Art, viele treffende Hinweise und bewegende Erinnerungen.

 

Ulrike Bergmann und Gudrun Greiffenhagen

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